Ein Einspruch von Liedermacher Stephan Zurfluh
„Grüezi, woher kommen Sie eigentlich?“ Eine Frage, die ich in der Schweiz ständig höre. Die Antwort „Aus Sisikon, Kanton Uri, meine Familie stammt von dort“ sorgt meistens für ungläubige Blicke. Denn ich antworte auf Hochdeutsch. Und in der Deutschschweiz gilt: Wer Hochdeutsch spricht, ist kein Schweizer. Zumindest kein gefühlter.
Oft habe ich das Gefühl, die Schweizer wollen sich durch Ihren Dialekt als etwas Besonderes darstellen. Ich habe Schweizer Wurzeln, bin aber in Deutschland aufgewachsen. Ich verstehe jeden Dialekt – vom tiefsten Berner Oberland bis zum feinsten Züridütsch. Doch ich spreche ihn nicht. Wie ich 1983 zum Arbeiten nach Luzern gekommen bin, habe ich versucht, damals hat es wenig Deutsche gegegeben.
1987 bin ich wieder emigriert durch die Welt gezogen und seit 1998 lebe ich im Kanton Aargau, wieder wegen der Arbeit. Mein sprachliches Werkzeug, mein kreativer Resonanzraum ist Deutsch. Die Literatur ist in Deutsch einfach vielfältiger, die Reime eleganter, es ist eine Herausforderung. Mit Schweizerdeutsch kann jeder machen, was wer will. Gleichzeitig isoliert sich der Deutschschweizer von einen grossen Sprachraum.
Und genau das wird mir in meiner Pass-Heimat regelmässig als Defizit ausgelegt. Ich werde kritisiert, weil ich den „falschen“ Code benutze.
Das Paradoxon der Integration
Es ist die grosse Absurdität der modernen Schweiz: Von Migranten wird lautstark verlangt, sie müssten sich integrieren, indem sie Mundart lernen. Gleichzeitig wird die gemeinsame Schriftsprache – das Hochdeutsche – im Alltag fast schon wie eine Fremdsprache behandelt.
In der Schweiz Auftritte ergattern? Wo doch alles Schweizerdeutsch singt? Vielleicht besser auf Englisch? Wenn ich in der Schweiz mich unterhalte, spüre ich reflexartig dieses kollektive Unbehagen. Hochdeutsch triggert in der Deutschschweiz sofort den alten „Grosser-Kanton-Komplex“. Es wird als steif, arrogant oder schlichtweg „deutsch“ empfunden.
Dass ein Schweizer dieses Werkzeug ganz natürlich und ohne Allüren nutzt, passt nicht ins emotionale Raster. Der Dialekt wird hier als Schutzwall hochgezogen: Wer nicht mitschwingt, gehört nicht ganz dazu. Ich betrachte es sogar als Neid, die Deutschen kämpfen sich durch.
Musiker streichen die Segel
In der Schweizer Musikszene sieht man heute den Rückzug ins Kuschelige. Die Band Hecht feiert im Dialekt gigantische Erfolge und straft Deutsch ab. Das Publikum will es nicht. Das ist legitim und emotional berührend. Aber es ist auch der Rückzug in die Komfortzone. Man bleibt lieber der König im eigenen Dorf, als sich dem grossen sprachlichen und literarischen Raum zu öffnen.
Ich werde oft gefragt, warum ich als Schweizer Liedermacher nicht auf Mundart singe. Es gibt das Lied Chuechicästli, das ich weder richtig schreiben noch singen kann.
Meine Antwort ist einfach: Weil Kunst Reibung braucht, verzichte ich oft auf Gemütlichkeit. Standarddeutsch erlaubt mir eine textliche Präzision und eine literarische Tiefe, die der Dialekt in dieser Form oft gar nicht hergibt.Es bricht die künstliche Wohlfühloase auf und zwingt zum Zuhören.Es verbindet mich mit der Welt und dem gesamten deutschsprachigen Kulturraum, statt mich an den Röstigraben zu fesseln.
Mein Fazit zur Kritik
Wenn man mich also dafür kritisiert, dass ich in der Schweiz Deutsch spreche, dann nehme ich das als Kompliment. Es zeigt, dass meine Sprache einen Nerv trifft. Sie erinnert die Schweiz daran, dass Identität tiefer geht als der lokale Dialekt – und dass man sich im eigenen Land nicht fremd fühlen sollte, nur weil man die Sprache von Frisch und Dürrenmatt benutzt.
Ich lade Künstler ein: Hört hin. Was passiert da mit der Schweiz? Eine Insel der Glückseligen, die sich abschottet? Es entstehen wieder Mythen, die einfach nicht stimmen. In der Schweiz fühle mich sehr wohl, auch in Deutschland und überall auf der Welt. Doch ich bin ein Entwurzelter. Die Wurzeln, die heute gelobt werden, gelten nur für wenige Menschen. Viele haben mehrere Berührungspunkte. Und die Schweizer legen Migranten unsinnig Steine in den weg. Deswegen sollten wir mehr über Sprache diskutieren.

